Neues Kapitel – Namibia, Afrika
- Alissa

- 4. Feb.
- 7 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 14. März
Was für eine wilde Anreise. Von Tür zu Tür war ich 37 Stunden unterwegs. Drei Flüge, einer davon mit so starken Turbulenzen, dass mein Tee nicht im Becher geblieben ist. Dazu ein Kühlwasserschaden bei der Ankunft – keine Weiterfahrt mit dem Auto mehr möglich. Die Sehnsucht nach einer Dusche und einem waagerechten Bett wurde mit jeder Stunde größer. Als ich schließlich angekommen bin, fühlten sich die ersten Tage an wie ein Dokumentarfilm. All diese Wildtiere so nah zu sehen – mein Gehirn konnte das kaum verarbeiten. Es war, als würde ich auf einen Bildschirm schauen und nicht wirklich selbst dort sein. König der Löwen trifft die Stimmung hier tatsächlich ziemlich gut. Ich fühle mich öfter wie in einer Szene aus dem Film. Und ja: Die „Pumbas“ – die Warzenschweine – sind wirklich herzig.
Langsam sickert es ein: Ich erlebe das alles wirklich. Mit eigenen Augen. Auf dem Pferderücken finde ich mich plötzlich mitten in einer Giraffenherde wieder. Neben mir galoppierende Gnus, in der Ferne die eleganten Oryxe. Die Sonnenuntergänge sind hier oft dramatisch – intensive Farben, eine ganz eigene Stimmung. Wenn sich ein Gewitter zusammenbraut und man das während eines Ausritts beobachtet, fühlt sich alles noch einmal größer an. Fünf Blitze gleichzeitig, ein tiefdunkelblauer Himmel, unter mir ein gelbes Blumenmeer. Die Energie entlädt sich gewaltig laut – deshalb liegen die Ohrstöpsel nachts griffbereit neben meinem Bett. Es ist Regenzeit hier in Namibia. Alles ist unglaublich grün, und überall gibt es Nachwuchs. Tierbabys sind einfach immer süß. Egal welches Tier. Meine bisherigen Highlights: Ein Geparden vom Pferd aus beobachtet, einer Löwin bei der Jagd zugeschaut, eine Black Mamba (Schlange) gesehen.
Mein Alltag hier ist klar strukturiert und durchgetaktet:
Um 5:27 Uhr klingelt der Wecker.
6:00 Uhr ab zum Stall und die Pferde für den ersten Ausritt ready machen.
7:00 Uhr startet der erster Ausritt.
9:30 Uhr zurück, Pferde versorgen.
10:00 Uhr Frühstück und Kaffee.
12:30 Uhr Mittagessen.
15:30 Uhr wieder zu den Pferden.
16:30 Uhr Ausritt mit Sundowner und kühlen Getränken.
20:00 Uhr Feierabend.
Und genau hier beginnt der Teil, der weniger nach Postkartenidylle aussieht. Ich merke, wie diese festen Strukturen alte Wunden aufreißen. Ich bin hier, ich möchte beitragen, ich habe Kompetenz – und trotzdem kann ich nicht selbst gestalten oder entscheiden. Es triggert mich, wenn andere über mich bestimmen, wann ich was tue, und ich das Gefühl habe, nicht wirklich gesehen zu werden. Ich habe meinen sicheren, gut bezahlten Job gekündigt, um aus einem System auszusteigen, das mir nicht mehr gutgetan hat. Ein System, in dem ich permanent im Anpassungsmodus war, ich mich klein gemacht und unsichtbar gefühlt habe. Ich habe nicht gekündigt, weil ich wusste, wohin ich will – sondern weil ich sehr klar wusste, was ich nicht mehr will. Und jetzt ertappe ich mich dabei, mich wieder in etwas Ähnlichem zu befinden. Natürlich in einer völlig anderen Form. Aber die Gefühle sind vertraut. Und genau deshalb fällt es mir gerade schwer, all das hier einfach nur zu genießen. Ich merke auch: Ich habe zu große Erwartungen an diese Reise. Ich will Klarheit, eine Richtung, ein neues Ich – und zwar sofort. Das ist zu viel. Zu viel Druck auf mich selbst. Diese Reise muss und kann mir nicht sofort Antworten liefern. Sie darf mir zeigen, wo es eng wird und wo ich mich lebendig fühle. Wann ich Lust und Freude empfinde aufzustehen, wann mein Körper Ja sagt – und bei was nicht. Ich baue gerade meine innere und äußere Identität um und neu auf. Die Alte existiert nicht mehr. Die Kündigung hat sie aufgelöst. Ich bin am Schwimmen. Es fühlt sich leer an, komisch – und gleichzeitig ist es eine riesige Spielwiese. Ein offener Raum, in dem alles möglich ist und alles sein darf. Ich suche keinen Ort und keinen Job. Ich suche einen Zustand: Selbstbestimmung, Handlungsspielraum, innere Ruhe, ein klares körperliches Ja zu dem, was ich tue. Ich habe keine Lust mehr auf halbherzige Kompromisse. Ich arbeite gerne mit, aber ich brauche Eigenverantwortung und Vertrauen. Feste, enge Strukturen machen mir zu schaffen. Vielleicht weiß ich gerade nicht, was ich will, weil ich lange nicht durfte, was ich will. Vielleicht wurde mein innerer Kompass über Jahre falsch justiert – immer scannen, was gebraucht wird und mich dann in dem einfügen. Ich bin raus aus dem Alten, aber noch nicht im Neuen. Und vielleicht ist genau das gerade der Punkt – kein Kampf mehr, kein Beweisen mehr. Und all das ist kein Mangel an Zielstrebigkeit – sondern ein Akt von Selbstachtung. Diese Reise ist kein Davonlaufen, sie ist ein ehrliches Experiment mit mir selbst.
Und bei all dem inneren Grübeln gibt es etwas, das mir hier besonders gut tut: die Zeit mit den anderen Reit-Guide-Mädels. Zusammen kochen, Kaffee trinken, quatschen, lachen, Sorgen teilen. Dieses ganz normale Zusammensein. Ich merke, wie gut mir das tut – wieder unter Mädels zu sein, Nähe zuzulassen, gemeinsam etwas zu erleben, ohne etwas leisten zu müssen. Und ja, trotz all der Gedanken und Fragen gibt es diese Momente, die ich bewusst genieße und innerlich feiere. Kleine Augenblicke, die sich richtig anfühlen. Ich darf mir eingestehen: Ich habe ein verdammt gutes, privilegiertes Leben und ich bin dankbar dafür.
Und dann ist da diese Tierwelt, die mich jeden Tag aufs Neue staunen lässt. Tiere nicht aus dem Jeep, nicht aus sicherer Distanz, sondern so nah, so präsent, so echt. Vom Pferderücken aus mittendrin und beobachten. All die Tierbabys die einem mit ihrer tapsigen Art ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Diese Begegnungen erden mich. Sie holen mich raus aus dem Kopf und rein in den Moment. Hier draußen, zwischen Staub, Weite, Wind und Leben darf ich einfach da sein und erleben. Und genau mit diesem Gefühl möchte ich diesen Eintrag schließen – mit Dankbarkeit, Staunen und dem Wissen, dass diese Zeit, mit all ihren Fragen, eine riesige Bereicherung ist.
P.S.: Sobald ich wieder eine gute Internetverbindung habe, aktualisiere ich den Blog Beitrag und ergänze auch Fotos.
-- English Version --
New Chapter – Namibia, Africa
What a wild journey. From door to door, I was on the move for 37 hours. Three flights, one of them with such severe turbulence that my tea didn’t stay in the cup. On top of that, a coolant leak upon arrival—no more car ride possible. The longing for a shower and a horizontal bed grew with every hour. When I finally arrived, the first few days felt like a documentary. Seeing all these wild animals up close—my brain could barely process it. It was as if I were looking at a screen and not really there myself. The Lion King actually captures the mood here quite well. I often feel like I’m in a scene from the movie. And yes: the “Pumbas”—the warthogs—are really adorable.
Slowly it sinks in: I am really experiencing all of this. With my own eyes. On horseback, I suddenly find myself in the middle of a giraffe herd. Wildebeests gallop beside me, elegant oryx in the distance. The sunsets here are often dramatic—intense colors, a unique atmosphere. When a storm builds while you’re on a ride, everything feels even bigger. Five lightning strikes at once, a deep dark blue sky, beneath me a sea of yellow flowers. The energy releases with tremendous sound—that’s why earplugs are always within reach next to my bed at night. It’s the rainy season here in Namibia. Everything is incredibly green, and everywhere there is new life. Baby animals are simply always cute. No matter which species. My highlights so far: observing a cheetah from horseback, watching a lioness hunt, seeing a black mamba.
My daily routine here is clearly structured and scheduled:
5:27 a.m.: Alarm goes off.
6:00 a.m.: Head to the stables and get the horses ready for the first ride.
7:00 a.m.: First ride begins.
9:30 a.m.: Return and care for the horses.
10:00 a.m.: Breakfast and coffee.
12:30 p.m.: Lunch.
3:30 p.m.: Back to the horses.
4:30 p.m.: Ride with sundowner and cool drinks.
8:00 p.m.: End of the day.
And this is exactly where the part that looks less like a postcard begins. I notice how these fixed structures reopen old wounds. I’m here, I want to contribute, I have competence—and yet I can’t make decisions or shape things myself. It triggers me when others decide for me when and what I do, and I feel unseen. I quit my secure, well-paid job to leave a system that no longer served me—a system in which I was constantly in adaptation mode, felt small and invisible. I didn’t quit because I knew where I wanted to go—but because I clearly knew what I no longer wanted. And now I catch myself in something similar again. Of course, in a completely different form. But the feelings are familiar. That’s why it’s hard right now to simply enjoy all of this.
I also realize: I have too high expectations for this trip. I want clarity, a direction, a new self—and I want it immediately. That’s too much. Too much pressure on myself. This journey cannot and should not give me instant answers. It can show me where it feels tight and where I feel alive. When I feel joy and motivation to get up, when my body says yes—and when it doesn’t. I’m currently reconstructing my inner and outer identity. The old self no longer exists. Quitting dissolved it. I’m swimming in the unknown. It feels empty, strange—but at the same time, it’s a huge playground. An open space where everything is possible and allowed. I’m not looking for a place or a job. I’m seeking a state: self-determination, freedom of action, inner peace, a clear physical yes to what I do. I’m done with half-hearted compromises. I like to contribute, but I need responsibility and trust. Fixed, rigid structures are hard for me. Maybe I don’t yet know what I want because for so long I wasn’t allowed to pursue what I wanted. Perhaps my internal compass has been misaligned for years—always scanning what’s needed and then fitting in. I’m out of the old, but not yet in the new. And maybe that’s the point right now—no more struggle, no more proving myself. And all of this is not a lack of ambition—but an act of self-respect. This journey is not running away; it is an honest experiment with myself.
And amid all the inner reflection, there’s something here that does me particularly good: the time with the other female riding guides. Cooking together, drinking coffee, chatting, laughing, sharing worries. This simple togetherness. I notice how good it feels—to be with girls again, to allow closeness, to experience something together without having to perform. And yes, despite all the thoughts and questions, there are these moments that I consciously enjoy and celebrate internally. Small moments that feel right. I can admit to myself: I have a damn good, privileged life, and I am grateful for it.
And then there’s this wildlife, which amazes me every single day. Animals not from a jeep, not at a safe distance, but so close, so present, so real. From horseback, right in the middle, observing. All the baby animals with their clumsy ways, bringing a smile to your face. These encounters ground me. They pull me out of my head and into the moment. Out here, between dust, vastness, wind, and life, I am allowed to simply be and experience. And it’s with this feeling that I want to close this entry—with gratitude, wonder, and the knowledge that this time, with all its questions, is an enormous enrichment.




















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