Mit mehr Vertrauen im Gepäck: Mein Abschied von Bali
- Alissa

- 5. Jan.
- 7 Min. Lesezeit
- Vorweg ein kleines Danke an all die, die sich nach dem letzten Blogbeitrag bei mir gemeldet haben: Ich habe mich sehr über die lieben Worte gefreut. Es tut gut zu wissen, dass ich mit den Gedanken nicht alleine bin. Mir war es wichtig, diesen sehr persönlichen Eintrag zu teilen, weil eben nicht immer alles Hochglanz und easy ist. Und das auch voll normal und völlig okay. -
Bali ist für mich ein Ort vieler Gegensätze. Auf der einen Seite sehr spirituell und naturverbunden – auf der anderen Seite wird der Müll einfach in den Fluss geschmissen oder vor der Haustür verbrannt. Dann das sehr einfache Leben der Balinesen und dann die hochluxuriösen Hotels und Anlagen für uns Touristen. Das authentische echte Bali, im Vergleich zum angepassten westlichen Lebensstil. Wo hingeschaut und wo (gezielt) weggeschaut wird. Die Zeit auf Bali hat nochmal vieles für mich aufgedeckt und mir einiges deutlich gezeigt: Wie ich über mich denke, über was ich mich bisher definiert habe und meine Muster. Wie sehr ich in dem Modus „funktionieren“ drin gesteckt habe. Hier zwischen Yoga-Ausbildung, Tauchen, Wandern, Städte, Reisfeldern, Regen, Sonne, Rückzug und Begegnungen ist mir klar geworden, dass ich mich lange über das definiert habe, was ich geleistet, gearbeitet oder besitzt habe. Und klar, ich habe mich auch in der Zeit, hier auf Bali, dabei ertappt meinen alten Mustern gerecht zu werden. Doch ich bemerke auch einen riesigen Schritt: Ich erkenne es immer besser, kann in die Vogelperspektive wechseln oder sogar einfach über mich schmunzeln und weitergehen.

Ich verlasse Bali mit zwei Bescheinigungen in der Tasche. Ich darf nun Yoga unterrichten und mit einem Tauchbuddy bis auf 20 Meter Wassertiefe tauchen. Und dann noch mit all den nicht messbaren Dingen, die ich während den knappen zwei Monaten hier gesammelt habe. Den wundervollen Begegnungen, tollen Gesprächen, Inspirationen, all dem guten Essen, den vielen mega Panoramaausblicken und den Erkenntnissen über mich selbst. Ich habe so tolle spannende Geschichten von anderen Reisenden gehört, die mich immer wieder faszinieren und in den Bann ziehen. Ich merke dann richtig, wie sich etwas in mir zusammenzieht und es richtig in mir zu kribbeln beginnt. Es ist kein negatives Gefühl, es ist eher ein „Wow, es ist machbar – ich kann das auch schaffen“. Dieses Kribbeln ist kein Mangel – es ist die Erinnerung daran, dass auch für mich noch so viel möglich ist. Mein üblicher Gedanke „Oh wow, ich bin schon 32, hab kein Zuhause, keinen Job, keinen Plan, wohin ich will, keine Vorstellung, wie meine Lebensreise aussehen soll“ wird für mich immer weniger beängstigend. Das Kribbeln für das Unbekannte wird dafür immer größer. Ich komme immer mehr ins Vertrauen und das Flüstern - „Es wird sich ein Weg für mich aufmachen, ich muss mir über das Wie und so weiter keine Gedanken machen“ - wird dafür in mir stetig lauter. Und mir wird immer klarer, dass mein Worst Case Szenario nun wirklich nicht das Schlimmste ist, nämlich: Zurückkehren nach Deutschland, eine Arbeit finden, mich neu sortieren und neu ausrichten. Was Schlimmeres kann, nach meiner Vorstellung nicht eintreten und passieren. Was mir allerdings ziemlich klar geworden ist, ist, dass ich nicht mehr zurück möchte zu dem, in dem ich so lange gesteckt habe. Ein System, in das ich nicht hineingepasst und mich langsam verloren habe. Ich möchte kein Teil mehr von diesem System sein, welches sich für mich so toxisch und als ständiger Kampf herausgestellt hat. Ich möchte nicht mehr für meine Daseinsberechtigung kämpfen, mich verbiegen und fügen. Ich möchte ich sein und mich zeigen dürfen, wer ich bin. Nicht mehr mich anpassen, weil man(n) mich so haben möchte. Ich möchte nicht mehr eine Quote erfüllen. Kein Teil mehr von einem Umfeld sein, welches sich nach Leistung und Status definiert und in dem wenig Raum für Empathie und Authentizität ist. Ich will nicht mehr funktionieren in Systemen, die meine Lebendigkeit kosten. Ich spüre immer deutlicher, dass mein Weg nicht gegen mich gehen darf – egal wie sicher oder anerkannt er von außen wirkt.

Zu diesem Alten-ich möchte ich nicht zurück - durch Anpassung komplett verloren und in einer psychosomatischen Akut-Klinik aufgefangen
Aber zurück zu meiner Zeit hier auf Bali (dieser Eintrag soll diesmal nicht so negativ werden): Wie oben geschrieben verlasse ich Bali auch mit einem Tauchschein. Beim Tauchen eröffnet sich nochmal eine ganz neue und andere Welt. Eine komplett neue körperliche Erfahrung für mich. So der Stille, den eigenen Gedanken und dem Tauchlehrer:in ausgesetzt zu sein. Mein Bauchgefühl (yes - ich habe darauf gehört und geachtet) hat mich zu einem tollen Tauchcenter geführt, mit einem top Tauchlehrer. Für mich war besonders der zweite Tauchgang eindrucksvoll. Dieser war an einem japanischen Schiffswrack aus dem zweiten Weltkrieg, mit tollen Korallen und bunten Fischen und dem sich öffnenden Meer. So beeindruckend, dass es zu einer kleinen Panikattacke unter Wasser kam. Mein Kopf ist einfach durchgedreht. Ständig sind Bilder in meinem Kopf aufgepoppt, mit was könnte passieren. Panik vor dem weiten großen Ozan und der Tiefe. Panik keine Luft mehr zu bekommen, Panik davor Wasser in die Brille und somit Wasser in die Nase zu bekommen. Zudem hat mein linkes Ohr bei dem Tauchgang einfach nicht mitgemacht, wollte sich einfach nicht ausgleichen lassen. Ich wollte einfach nur noch nach oben an die Oberfläche und das möglichst schnell, was beim Tauchen durch den Druckunterschied nicht so einfach machbar ist. Doch mein Tauchlehrer hat es irgendwie geschafft diese Situation unter Wasser, ohne dabei zu reden und meine blanke Panik in den Augen zu sehen, zu managen. Spoiler: Alles ging gut aus und ich bin danach auch wieder tauchen gegangen, mit einem Pausentag dazwischen. Mein Tauchlehrer hat mich voll wahr- sowie ernst genommen und es geschafft, dass ich ihm vertraue. Er war so präsent, dass er mir mit voller Überzeugung vermitteln konnte, dass er alles im Griff hat und ich sicher bin. Trotz dieser kleinen Ungemütlichkeit unter Wasser habe ich mich danach dazu entschieden, den Tauchschein zu machen. Mein letzter Tauchgang war dann auch nochmal an diesem Schiffswrack. Und ich hatte so viel Vertrauen in meinen Tauchlehrer und in mich, dass dies einer der schönsten Tauchgänge wurde (obwohl ich sehr viele Bedenken zuvor hatte, aber mein Tauchlehrer hat an mich geglaubt, was mich sehr gestärkt hat). Die Erfahrung tat mir so gut, dass jemand an mich glaubt und ich dann auch an mich. Und ich wurde sehr für mein Mut und Selbstvertrauen belohnt. Es ist wirklich eine unglaubliche Erfahrung, so von Stille umhüllt zu sein, nur dem eigenen Atemgeräusch und den eigenen Gedanken zu lauschen. Für mich war bzw. ist das Tauchen sehr herausfordern, den Kopf zu beruhigen, zu wissen man bekommt genug Luft, auch über den Mund und ständig präsent und wirklich da zu sein. Die Lebensgeschichte meines Tauchlehrers hat mich sehr inspiriert und das Gefühl in mir hochkommen lassen: Ich will das auch für mein Leben und er hat bewiesen, dass es möglich ist und somit ist es auch für mich möglich.

Und was hab ich sonst noch so gemacht? Ich versuche, einen kleinen Umriss von meiner Zeit auf Bali zu geben. Ich habe superviele wunderschöne Reisfelder gesehen und einige Kilogramm Reis gegessen. Habe meine Art mit Löffel und Gabel zu essen perfektioniert. Auch Reis und Fisch mit den Händen zu essen klappt nun. Was ich allerdings noch immer nicht händeln kann, ist die Schärfe, mein Mund brennt immer wie Feuer und wird knall rot. Worüber die Balinesen gerne schmunzeln. Mein Magen hat die zwei Monate top mitgemacht, kein Bali Belly oder Ähnliches hat mich heimgesucht, worüber ich sehr froh bin. Habe unzählige neue Früchte probiert und bin besonders auf den Geschmack von Drachenfrucht gekommen (die mehrfach die Farbe von einem verändert). Habe um die 150 ml Sonnencreme in der Zeit verbraucht und nur einmal einen kleinen Sonnenbrand auf meinem Rücken gehabt. Das permanente Schwitzen und die Sonnencreme bilden einen ekligen glitschigen Film, doch Duschen hilft da nicht wirklich viel. Und ich durfte wieder Bekanntschaft mit der asiatischen Toilette machen. Ein Gang zum WC kann hier immer wieder für Überraschungen sorgen und herausfordern sein. Der Verkehr lässt mich immer wieder staunen. Regeln existieren nicht wirklich, aber es klappt irgendwie (meistens) und keiner regt sich auf. Und das Hupen ist nur ein Signal, dass gleich überholt wird. Wenn ich zu Fuß unterwegs war, hat es nicht lange gedauert, bis mir eine Fahrt angeboten wurde. Aber ein freundliches Nein wurde immer akzeptiert, mit einem imitiertem Kopfschütteln, dass jemand bei der Hitze freiwillig läuft. Habe einige Stunden im Fitnessstudio und in Crossfit-Stunden verbracht. Mich in Eiswasser abgekühlt. Affen, Geckos in jeder Größe, Baby-Haie, Seepferdchen, bunte Fische, Krabben, Schildkröten, Schlagen, riesen Schnecken und viele Straßenhunde gesehen. Einer von den Hunden fand meine Wade auch zum Anbeißen lecker. Ich habe ein paar bekannte Gesichter gesehen, worüber ich mich sehr gefreut habe. Und mir tat es sehr gut mich mit vertrauten Personen auszutauschen. Habe auch superinteressante Gespräche mit anderen Reisenden geführt. Über das Reisen, über die Motivation hinter dem Reisen, über das unterschiedliche Frauenbild in den Kulturen und über die verschiedenen Lebensformen. Auch mit Einheimischen hatte ich sehr lehrreiche und interessante Gespräche. Diesmal bringe ich keine Narbe mit, dafür ein neues Tattoo, einige neue Klamotten und weitere Kleinigkeiten. Habe mir Massagen und Beauty-Time gegönnt. Und bin nun um einige tausende Euro leichter und um tausende Momente reicher.
Und in ein paar Tagen heißt es für mich Ortswechsel, eher gesagt Kontinentwechsel. Afrika ruft. Das erste Mal geht es für mich auf diesen Kontinent. Oh, bin ich aufgeregt und voller Vorfreude, was mich dort so erwarten wird. Ich bin bereit für neue Abenteuer, für einen neuen Lebensrhythmus, für ein neues Klima und für eine neue Kultur. Ich bin wirklich dankbar für all die Momente und Begegnungen, die ich hier auf Bali erleben durfte. Ich gehe weiter, nicht mit einem fertigen Plan, sondern mit mehr Vertrauen in mich. Vielleicht weiß ich noch nicht, wohin mein Weg mich genau führt – aber ich weiß immer besser, wie er sich für mich anfühlen darf.




















































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