Neun Monate später – was hat sich eigentlich verändert?

Ich bin in diese Reise mit der Hoffnung gestartet, Antworten auf ein paar große Fragen zu finden. Was will ich mit meinem Leben machen? Wo möchte ich hin? Was ist mein nächster Job? Wo möchte ich wohnen? Ich hatte gehofft, während meiner Reise die typische Geschichte zu erleben: den einen Ort zu finden, an dem plötzlich alles passt und man in der Ferne ein neues Leben aufbaut. Zu mir wurde auch so oft gesagt: „Alissa, du wirst irgendwo hängen bleiben und nicht wiederkommen.“

Meine Reise ist nun fast zu Ende und ich bin an meiner (vorerst) letzten Station angekommen. Und mittlerweile beschäftigen mich ganz andere Fragen: Wie möchte ich mich fühlen? Was brauche ich, damit sich mein Leben nach mir anfühlt? Welche Menschen möchte ich um mich haben? Wie möchte ich arbeiten? Was gibt mir Energie und was nimmt sie mir?
Vielleicht brauche ich gar nicht den einen perfekten Beruf. Vielleicht brauche ich vielmehr eine bestimmte Art zu leben und zu arbeiten. Ein Lebensmodell, das zu mir passt und mir die Freiheit gibt, mich zu entfalten und verschiedene Dinge miteinander zu verbinden. Nicht den einen Jobtitel, auf den andere mit großen Augen schauen und durch den ich mich toll fühle.
Ich bin also nicht in einem Land hängen geblieben, wie ich es mir anfangs vielleicht gewünscht hatte. Dafür hat sich etwas anderes aufgetan, mit dem ich so nicht gerechnet hatte. Etwas, das verschiedene Dinge verbindet, die mir wichtig sind. Aber dazu später mehr. Erst möchte ich euch noch ein bisschen mit in das Land in dem ich gerade bin mitnehmen.
Meine Fingernägel sind endlich wieder sauber. In Südafrika waren sie durch das ständige Putzen von Pferden und Sattelzeug eigentlich dauerhaft dreckig. Nun lasse ich die Pferdeställe hinter mir und starte in mein (vorerst) letztes Kapitel dieser Afrikareise: Malawi, ein vergleichsweise kleines Land im Südosten Afrikas.
Malawi war ehrlich gesagt nicht unbedingt das Land, das ich vor meiner Reise als Erstes mit Afrika verbunden hätte. Umso mehr überrascht mich, wie vielfältig es hier ist. Berge, Wälder, Nationalparks, weite Graslandschaften und ein riesiger See liegen auf relativ wenig Fläche. Malawi liegt zwischen Tansania, Sambia und Mosambik. Mit rund 23 Millionen Einwohnern ist das Land für seine Größe sehr dicht besiedelt. Die Hauptstadt ist Lilongwe, Blantyre dagegen das wirtschaftliche Zentrum.
Eines der Wahrzeichen des Landes ist der Lake Malawi. Der See ist ungefähr 590 Kilometer lang und nimmt rund 20 Prozent der Fläche Malawis ein. Er ist damit so groß, dass man an vielen Stellen kaum glauben kann, dass man eigentlich an einem Binnensee steht. Das Wasser ist an vielen Stellen extrem klar und macht den Lake Malawi zu einem perfekten Ort zum Schwimmen, Schnorcheln, Tauchen, Kajakfahren oder einfach zum Entspannen am Strand. Besonders außergewöhnlich ist die Unterwasserwelt. Im See leben mehr als 350 endemische Buntbarscharten. Das sind Fischarten, die in dieser Form nur dort vorkommen. Der Lake Malawi National Park gehört deshalb auch zum UNESCO-Welterbe. Wer etwas mehr Inselgefühl sucht, kann beispielsweise Likoma Island besuchen. Die Insel liegt mitten im Lake Malawi und ist unter anderem für die beeindruckende St. Peter’s Cathedral bekannt.
Wer denkt, Malawi bestehe hauptsächlich aus See und Safari, liegt ziemlich daneben. Das Land ist auch für Wanderungen und Berglandschaften interessant.
Im Süden liegt das Mulanje-Massiv mit dem rund 3.002 Meter hohen Sapitwa Peak. Steile Felswände, grüne Täler und Bergwälder machen die Gegend zu einem der bekanntesten Wanderziele des Landes. Mehrtägige Touren sind dort genauso möglich wie kürzere Wanderungen.
Das Zomba Plateau konnte ich selbst kennenlernen. Oben angekommen, verändert sich die Landschaft komplett. Wälder, Wanderwege, Aussichtspunkte und Wasserfälle wie die Emperor Falls und Williams Falls machen das Plateau zu einem meiner bisherigen Highlights.
Weiter im Norden liegt der Nyika National Park auf einem Hochplateau von über 2.000 Metern Höhe. Dort findet man weniger die klassische afrikanische Savanne. Stattdessen gibt es weite Graslandschaften, Wildblumen, Zebras und verschiedene Antilopenarten.
Auch für Safaris hat Malawi einiges zu bieten. Zu den bekanntesten Schutzgebieten gehören der Liwonde National Park, die Majete Wildlife Reserve und der Nyika National Park. Liwonde konnte ich selbst kennenlernen und genau dort bekommt das Thema Tierwelt für mich noch einmal eine ganz andere Bedeutung.
Während meines Aufenthalts arbeite ich beim Lilongwe Wildlife Trust (LWT) als Volunteer mit. LWT ist seit 2008 aktiv und arbeitet unter anderem in den Bereichen Wildtierrettung, Rehabilitation, Forschung, Umweltbildung und der Bekämpfung von Wildtierkriminalität. In Lilongwe befindet sich außerdem das Lilongwe Wildlife Centre, in dem gerettete Tiere versorgt und rehabilitiert werden. Bei LWT helfe ich gerade im Research Team im Liwonde National Park mit. Konkret bedeutet das zwei Game Drives am Tag: einen früh am Morgen und einen am späten Nachmittag, manchmal auch bis in die Nacht hinein. Und ja, manchmal hat man dabei wirklich krasse Tiersichtungen. Zum Beispiel kann es passieren, dass man von einem Elefanten vom Weg vertrieben wird, obwohl man im Auto sitzt, und sich dann mit dem Auto irgendwo verstecken muss, doch manchmal kommen die Giganten dem Auto doch ungewollt sehr nah. Oder man beobachtet, wie sich drei Löwen gemeinsam mit einem Krokodil einen Kudu-Kadaver teilen und immer wieder um ein Stück Fleisch ringen.
Für mich ist es spannend, Malawi dadurch nicht nur als Tourist kennenzulernen. Statt Tiere ausschließlich auf einer Safari zu beobachten, bekomme ich auch einen Einblick in die Arbeit dahinter. Früh aufstehen, mit anpacken, Tiere beobachten und gleichzeitig verstehen, wie viel Arbeit notwendig ist, um Wildtiere langfristig zu schützen.
Ich habe bisher natürlich nur einen kleinen Teil Malawis gesehen. Trotzdem merke ich schon jetzt, dass das Land nicht unbedingt davon lebt, dass man von einer berühmten Sehenswürdigkeit zur nächsten fährt. Vieles passiert unterwegs. Nicht ohne Grund wird Malawi auch das „Warm Heart of Africa“ genannt. Der Name bezieht sich vor allem auf die offene und freundliche Art der Menschen. Und genau diese Gastfreundschaft fällt einem hier im Alltag immer wieder auf. Menschen winken einem freundlich zu, kleine Märkte liegen am Straßenrand und Fahrräder transportieren scheinbar alles, was man sich nur irgendwie vorstellen kann. Dazu kommt die rote Erde, die grünen Landschaften und natürlich immer wieder die Tiere. Vielleicht ist Malawi gerade deshalb so besonders. Es ist kein Land, von dem man vorher unbedingt schon jedes Highlight kennt.
Malawi ist für mich deshalb nicht nur die letzte Station meiner Afrikareise, sondern auch irgendwie der Ort, an dem sich einiges zusammengefügt. Und genau hier in Malawi habe ich gemerkt, dass diese Reise mir vielleicht nicht die Antwort gegeben hat, nach der ich am Anfang gesucht habe. Dafür hat sie mir ziemlich deutlich gezeigt, was zu mir passt – und was nicht. Ich hatte mir vor meiner Reise überlegt, noch einmal ein Studium in Richtung Conservation, Naturschutz oder Ecological Engineering zu beginnen. Deshalb mache ich gerade mein Volunteering beim LWT und helfe im Liwonde National Park im Research Team mit. Ich finde Wildlife unglaublich faszinierend. Und ich dachte wirklich, dass ich das, was ich hier mache, lieben würde. Jeden Tag raus auf Safari, Tiere finden, dokumentieren, was wir sehen, und Wildtierkamerafallen auswerten. Doch jetzt merke ich: Ich bin nicht die Person, die gerne stundenlang im Auto sitzt und nach Tieren sucht oder sie trackt. Ich brauche Bewegung. Ich möchte meine Umgebung wirklich erleben und mittendrin sein. Aus dem Auto heraus fühlt es sich für mich manchmal einfach zu weit weg an.
Ich dachte, ich wäre jemand, der sich gerne intensiv mit einem Thema beschäftigt, lange beobachtet und darin aufgeht. Aber auch das bin ich offenbar nicht ganz. Research und Conservation finde ich weiterhin spannend und ich halte es für ein unglaublich wichtiges Themenfeld. Aber ich merke, dass ich nicht die Person bin, die das jeden Tag machen möchte. Ich wollte herausfinden, ob Conservation vielleicht mein nächster Weg sein könnte. Jetzt sitze ich hier und merke: Die Idee fasziniert mich mehr als die konkrete Tätigkeit. Und vielleicht ist genau das der Sinn dieser Reise gewesen auch Dinge auszuschließen. Ich muss Conservation nicht zu meinem Beruf machen, nur weil ich Wildlife liebe. Ich muss nicht studieren, nur weil ein bestimmtes Studium interessant klingt. Und ich muss auch nicht aus jeder Erfahrung sofort einen neuen Lebensplan bauen. Manchmal ist eine Erkenntnis einfach: Das hier ist spannend – aber nicht mein Alltag.
Und natürlich kommen dann Zweifel auf. Habe ich dieses Jahr „richtig“ genutzt? Hätte ich andere Dinge ausprobieren sollen? Was wäre „besser“ gewesen? Wo hätte ich mehr erleben können? Mein Kopf versucht jetzt rückblickend, aus all den Erfahrungen einen perfekten Plan zu bauen. Dabei hatte ich dieses Jahr doch genau deshalb begonnen, weil ich keinen Plan hatte. Ich wollte neue Dinge ausprobieren und herausfinden, was zu mir passt und was eben nicht. Und genau das habe ich getan. Vielleicht habe ich nicht die Antworten bekommen, die ich am Anfang erwartet hatte. Aber ich habe etwas anderes bekommen: die Möglichkeit, mich selbst in ganz unterschiedlichen Situationen zu erleben und dadurch besser zu verstehen. Ich brauche nicht nur ein interessantes Thema. Ich brauche eine bestimmte Art zu leben.
Natürlich schleicht sich trotzdem immer wieder diese Gedankenschleife in meinen Kopf: Ich bin über 30, habe keinen klassischen Karriereweg, keinen festen Job, keine Familie, keinen Partner, kein Haus und keinen genauen Plan. Also müsste ich jetzt doch langsam wissen, was ich will und wie ich mein Leben finanziere. Aber ich darf auch nicht vergessen, was ich in diesem Jahr gemacht habe. Ich habe mein funktionierendes und sicheres Leben verlassen, weil es nicht mehr zu mir gepasst hat. Das ist keine Zeitverschwendung. Und ich bin auch nicht bei null. Ich habe Berufserfahrung, Entwicklungserfahrung, Reiseerfahrung, Tourismuserfahrung und Lebenserfahrung. Dazu kommen meine Yoga-Ausbildung, meine Reitausbildung, Sprachkenntnisse und jetzt auch Erfahrungen in Conservation, Safaris und Research. Ich baue gerade keinen Lebenslauf auf. Ich erstelle gerade ein Mosaik. Ich probiere aus, was sich für mich stimmig anfühlt. Welche Menschen mir guttun. Welche Arbeit mir Energie gibt. Welche Dinge ich miteinander verbinden möchte. Und vielleicht kann ich irgendwann zurückschauen und erkennen, welche Teile zusammengehören.
Und dann ist da etwas passiert, womit ich am Anfang dieser Reise überhaupt nicht gerechnet hätte. Ich habe Cat von Reiten & Yoga kennengelernt. Kennengelernt habe ich sie in Namibia während meines Volunteers dort. Cat hat dort Yoga- und Reitretreats durchgeführt und ich habe ihre Gruppen per Pferd geguidet.
Cat verbindet genau die Dinge miteinander, die für mich schon lange begleiten: Reiten, Yoga und Reisen. Sie organisiert Retreats an verschiedenen Orten auf der Welt und verbindet dabei Zeit mit Pferden, Yoga, Natur und dem Entdecken neuer Länder. Genau diese Kombination finde ich unfassbar schön, weil sie so vieles vereint, was mir wichtig ist: Pferde, Bewegung, Yoga, Natur, Reisen und neue Menschen und Orte. Und je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr merke ich: Das fühlt sich unglaublich nach mir an. Und genau daraus ist etwas entstanden, womit ich am Anfang meiner Reise überhaupt nicht gerechnet hätte. Ab nächstem Jahr darf ich Cat als Retreat Guide bei Retreats in Marokko, Ibiza und Island unterstützen.
Ich bin Cat dafür wirklich unfassbar dankbar. Dafür, dass sie mir diese Chance gibt. Dafür, dass sie mir vertraut und an mich glaubt. Und auch dafür, dass sie mir die Möglichkeit gibt, mich im Yoga weiterzuentwickeln. Das bedeutet mir gerade sehr viel. Ich habe nicht das Gefühl, mich für eine meiner Leidenschaften entscheiden zu müssen. Vielleicht ist genau das die Art zu arbeiten und zu leben, nach der ich auf dieser Reise gesucht habe.
Und ich spüre gerade wieder dieses Kribbeln in mir, wenn ich an die nächste Zeit denke. An die Retreats, die neuen Länder, die Pferde, Yoga und all die Menschen, die ich kennenlernen werde. Dieses Gefühl hatte ich schon lange nicht mehr.
Neun Monate später – was hat sich eigentlich verändert?
Früher dachte ich, ich müsste erst wissen, was ich beruflich machen möchte, um zu wissen, wer ich bin. Heute habe ich das Gefühl, dass genau andersherum zu sehen: Ich weiß besser, wer ich bin, was mir wichtig ist und was mich begeistert – und daraus darf sich mein Weg entwickeln. Vielleicht ist das nach neun Monaten die schönste Erkenntnis: Ich habe nicht den einen perfekten Plan gefunden, sondern viel mehr Lust bekommen, meinen eigenen daraus zu machen. Ich bin also tatsächlich nicht in einem Land hängen geblieben. Aber vielleicht bin ich stattdessen an etwas anderem hängen geblieben: an der Idee, dass ich mein Leben nicht in eine einzige Schublade stecken muss.
P.S.: Wenn ihr Fragen zu den Retreats, zu Reiten & Yoga oder zu meiner neuen Aufgabe habt, könnt ihr euch natürlich jederzeit gerne bei mir melden. Mehr über Cats Retreats findet ihr hier: https://www.reitenundyoga.ch. Vielleicht sehen wir uns ja sogar irgendwann auf einem der nächsten Retreats.




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